Land und Leute

Das Amt Breckerfeld liegt im südlichen Teile des zum preußischen Regierungsbezirk Arnsberg gehörigen Landkreises Hagen in Westfahlen und umfasst die Gemeinden Breckerfeld, Dahl und Waldbauer. Im Norden grenzt es an die Gemeinden Eilpe und Delstern, im Osten an Hohenlimburg ( Grenzfluss Nahmer), an Hülscheid und Heedfeld ( von Dahlerbrück bis Rummenohl Grenzfluss Volme), im Süden an Halver ( Grenzflüsse Glör und Ennepe), im Westen an Radevormwald und Schweflinghausen ( Grenzfluss Ennepe), sowie an Voerde. Der Flächeninhalt beträgt 9374 Hektar 26 Ar. Davon entfallen auf die Gemeinde Breckerfeld 4226 Hektar 2 Ar, auf die Gemeinde Dahl 2925 Hektar 92 Ar und auf die Gemeinde Waldbauer 2222 Hektar 32 Ar. Im Amtsbezirke wohnten im Jahre 1895 im ganzen 6539 Personen und zwar 3617 in der Gemeinde Breckerfeld, 1884 in der Gemeinde Dahl und 1038 in der Gemeinde Waldbauer Dem Religionsbekenntnisse nach waren evangelisch 6194, katholisch 302, diffidentisch 39 und jüdisch 4. Am 1. Dezember 1899 betrug die Bevölkerungszahl 6801. Die Gegend, welche zum märkischen Sauerland gehört, ist gebirgig oder Hochplateau und erhebt sich mehr als 400 Meter über dem Meeresspiegel. ( Wengeberg 442 Meter.) Tiefe Einschnitte in das Gebirge machen nur die Thäler der Volme und Ennepe. Der Boden ist kalt und steinig und besteht meistens aus Lenne = oder Thonschiefer ( Mittel = Devon), stellenweise aus Grauwacke. Über dem Gestein lagert sich eine mehr oder weniger mächtige Lehmschicht. Bei Delstern wird der Lenneschiefer scharf durch Kalkstein abgegrenzt, in welchem sich Reste von Korallen und Muscheln befinden. „ Jedem drängt sich die Überzeugung auf, dass unser Süderland einst als Insel aus dem Meere ragte, und daß längs des Nordsaumes dieser Insel ein Korallenriff im Ozean sich aufbaute, von der Briloner Gegend bis nach Düsseldorf hin sich lang und schmal erstreckt.“ Der neptunische Lenneschiefer ist hier und da durchbrochen von plutonischen Diabasen ( Porphyr), z. B. nördlich von Breckerfeld an der Landstraße nach Priorei und südlich bei Ehringhausen. Nach dem Ebbegebirge hin treten diese Durchbrüche auf. Während der Lenneschiefer wenig nutzbar ist, ist die Grauwacke zu Bau = und Pflastersteinen gut zu gebrauchen. Die Höhenzüge sind Ausläufer des Ebbegebirges. An Fruchtbarkeit fehlt es dem Boden hier im allgemeinen nicht. Derselbe ist ungefähr zur Hälfte mit Wald oder Buschwerk bestanden, wodurch bewirkt wird, dass die Feuchtigkeit der Luft und der Quellen erhalten bleibt, aber auch viele Niederschläge, Nebel und anhaltendes Regenwetter, im Winter dagegen reiche Schneefälle eintreten. Dazu kommt noch, dass das Waldklima im Sommer die Hitze mildert, im Winter die Kälte abschwächt. Das lockere, schiefrige Gestein führt viele wasserleitende Schichten, zahlreiche Rinnsale und Bächlein eilen deshalb murmelnd und plätschernd von den Höhen ins Tal. Bei anhaltenden Regen geschieht es nicht selten, dass das Wasser mitten auf Wegen und Landstraßen plötzlich hervorsprudelt.

Dem Holzbau ist das feuchtkalte Klima nicht ungünstig. Am meisten begegnen uns Birken und Erlen, weniger Buchen und Eichen. Auch fehlt der Faulbaum ( Rhamnus) nicht, dessen Holz zur Pulverfabrikation verwendet wird. Einen eigentlichen Hochwald trifft man aber fast nirgends, sondern nur Mittel und Niederwald. Es wurde eben lange Zeit keine rationelle Forstkultur betrieben, man fällte das brauchbare Holz, ohne junges nachzupflanzen. Der Bäuerliche Waldbesitzer war schon zufrieden, wenn die stehengeblibenen Baumstümpfe ein elendes Gestrüpp wieder hervorbrachten, das er zum Feuern benutzen konnte. Wert hatte für ihn nur die Eichenrinde als Gerberlohe. In einem Bericht des Bürgermeisters Goebel in Breckerfeld vom 24. September 1798 heißt es. Weil der Holzmangel immer mehr einrisse durch, den Verbrauch an Holzkohlen seitens der Fabriken, so sei es nötig, das Ausrotten abgeholzter Reviere einzuschränken, und die Eigentümer zum Anbau des jungen Holzes bei einer nachdrücklichen, zweckmäßigen Strafe anzuhalten. Desgleichen müsse überhaupt zur genausten Befolgung aller zur Kultur des Holzes ergangenen Forstgesetze eine zweckmäßige Veranstaltung getroffen werden. Aber erst in unserer Zeit hat man der Pflege des Waldes, oder wie man hier sagt, „ der Berge“ eine größere Aufmerksamkeit geschenkt und den abgeholzten Waldboden mit Kiefern ( Tannen) bepflanzt. Der Aufforstungsverein des Kreises Hagen geht dabei dem Landwirt mit Rat und Tat zur Hand. Trotzdem aber besteht die gerügte Misswirtschaft zum Teil noch fort, sowie die Entwertung des Waldbodens durch den Plaggenhieb, das sogenannte

„ Heedhacken“. Eine rühmliche Ausnahme machen die Waldbestände der Güter Dahl und Schöpplenberg, sowie die einiger größerer Bauernhöfe. Zwischen dem Buschwerk der „ Berge“ sieht man hier weite Flächen mit Heide ( Erica vulgaris), Besenginster ( Sarothamnus scoparius) und Schmielen ( Aria caespitosa), dort mit Wald = und Preiselbeeren ( Vaccinium Myrtillus und Vac. Vitis Idea) bewachsen. Das Sammeln der Beeren, welche in den benachbarten Industriestädten Hagen, Elberfeld und Barmen leicht und vorteilhaft verkauft werden können, bietet armen Leuten hier vielfach Gelegenheit zu lohnendem Nebenverdienst. Frauen und Kinder unterziehen sich gern dieser Beschäftigung in ihren freien Stunden und lösen für ihren Sammeleifer oft ein hübsches Sümmchen ein. Für ein Liter Waldbeeren werden 10 – 20, für ein Liter Preiselbeeren 25 – 35 Pfennig gezahlt. Wie die Preiselbeeren der Sage nach in den hiesigen Bergen entstanden, erzählt uns Montanus in seiner „ Vorzeit“ auf folgende Weise. „ Nicht weit von den Quellen der Wupper wohnte ein frommer Klausner in einer einsamen Hütte. Er lebte nur dem Gebete und der Betrachtung und ernährte sich von den Früchten eines kleinen Gartens, den er selbst bebaute. Als er eines Tages die kahlen Berge betrachtete, die nur mit Birken und Buchen ohne genießbare Frucht bestanden waren, und diesen die reichen Obstgärten und Getreidefelder am Rhein entgegenstellte, da betete er, dass die Mutter Gottes und die heilige Gertrud, die als Schützerin der Gärten und des Ernährungswerkes verehrt wird, auch seinen Bergen eine nährende Frucht erflehe möchten. Da träumte er, dass Maria die Kränze aus Mägdepalm ( Preißelbeerstrauch), welche er um ihr Bild zu flechte pflegte, der heiligen Gertrud gereicht habe. Diese habe nun die einzelnen Blättchen und Zweiglein über die Berge, für welche er gebetet, ausgestreut. Als er erwachte – – es war an einem Herbstmorgen – – sah er, soweit sein Auge reichte, die Berge prangten in rosenroter Fruchtfülle. Der Mägdepalm stand Strauch an Strauch in der vordem öden Heide. Alle Zweiglein waren bekleidet mit roten Beeren von würzigem Wohlgeschmack. Der Einsiedler dankte Gott und lobte seine Güte, die auch für die Berge sich in Reichtum am lieblichsten Obste betätigte. Ungepflanzt und ungepflegt von Menschenhand reifen seitdem die roten Beeren. Sogar zweimal im Jahre kann man von ihnen ernten, denn, während der eine Zweig im Juli reife Frucht trägt, blüht der andere und setzt Frucht für den Herbst. – Aus Dankbarkeit für das schöne Geschenk baute der Klausner eine Marienkapelle, aus der später eine Klosterkirche entstand, und die Stätte derselben heißt heute Marienheide. ( im Kreise Gummersbach Vgl. Montanus ( Zuccalmaglto). Die Vorzeit der Länder Cleve = Mark 2 Aufl. 1. 180.)

Zwischen den „ Bergen“ liegen zahlreiche gepflegte Wiesen und Weiden. Rindviehzucht und Milchwirtschaft stehen deshalb in Blüte. In der Stadt Breckerfeld wurde im Dezember 1893 eine Genossenschaftsmolkerei mit Dampfbetrieb eröffnet, welche täglich bis zu 4000 Liter Milch verarbeitet. Daneben aber verwerten manche Bauern ihren Milchvorrat selbst, indem sie denselben direkt verkaufen oder durch Handseparatoren entrahmten und dann verbuttern. Auf einen guten Viehbestand wird großes Gewicht gelegt, ja man taxiert einen Bauernhof nach der Zahl der Kühe, welche auf demselben gehalten werden können. Vom Getreide gedeihen hier am besten Hafer und Roggen. Vereinzelt wird auch Gerste gebaut. Haferbrei war, wie der römische Geschichtsschreiber Plinius (+ 73 n. Chr.) berichtet, schon bei den Sigambern, den damaligen Bewohnern der hiesigen Gegend, ( Wallburg Ambrock), ein beliebtes Gericht und wird auch jetzt noch geschätzt. Hafermehl wird vielfach im Haushalt benutzt, das Haferkaff dient zum Füllen der Betten. Die Roggenernte fällt in die Hälfte des Monats August, die Haferernte etwa vier Wochen später.

Besonders reich hat sich aber der Kartoffelbau entwickelt. Die Kartoffel hat sich seit dem Jahre 1760 als Feldfrucht eingebürgert und ist ein unentbehrliches Nahrungsmittel geworden, besonders für den Arbeiterstand. Schon morgens um 8 Uhr prankt eine Schüssel mit den dampfenden „ Erdäpfeln“ auf dem Tische und laden zum fleißigen Zugreifen ein, wenn die sorgsame Hausfrau es nicht vorgezogen hat, sie zu knusprigen „ Reibekuchen“ umzugestalten. Wird die Kartoffel roh nach Entfernung der Schale in Scheiben geschnitten und gedämpft, so heißt sie „ gepeinigt“, in kantige Streifen geteilt, mit Mehlbrei übergossen und so gebraten, verwandelt sie sich in einen „ Leinweber“ oder „ Pinnekeskauken“, in gekochtem Zustand mit einem hölzernen Stampfer zu Brei zerstoßen und in Kuchen gebacken nennt man sie die „ kurzgestoßene“ oder spöttisch die „ kurzgetretene“. – – Der landwirtschaftliche Verein sorgt dafür, dass immer neue Sorten der so sehr geschätzten Knollen unter die Mitglieder verteilt werden. Man prüft und behält das beste. Die am meisten verbreitete Art ist die unter dem Namen ( magnum bonum ) bekannte, welche hier allgemein „ Moll“ genannt wird. Mehrere Jahre bleibt ein Teil der Äcker als Viehweide liegen, wird dann gepflügt und mit Kartoffeln oder Hafer bestellt, um nach einigen Jahren wieder als Weide zu dienen. An Futterkreutern wird besonders Rotklee und Spörgel ( Spergula arvensis) gebaut. Die Wiesen sind meistens zweischürig. Das Vieh, welches früher in die „ Berge“ getrieben wurde, findet im Sommer auf den Weiden, im Winter an dem reichen Vorrat von Heu und Grummet hinreichend Nahrung.

Obstbau = und Bienenzucht lassen übrig, wobei jedoch nicht übersehen werden darf, dass die Bodenverhältnisse großenteils zu deren Betreibung ungeeignet sind. Der Flachsbau ist seit etwa 30 Jahren völlig eingestellt. Die Erzeugnisse des Ackerbaus können zu günstigen Preisen verkauft werden und finden guten Absatz.

Das Klima ist vielfach rau. Auf den Höhen herrschen namentlich im Winter oft heftige Stürme, welche über die kahle oder schlecht bewaldete Hochebene ungehindert dahinbrausen. Nichtsdestoweniger aber ist der Aufenthalt in der reinen Gebirgsluft gesund, und ist ein Lebensalter von 80 und mehr Jahren keine Seltenheit bei Personen beiderlei Geschlechts. Die Ortschaften Dahl und Dahlerbrück im Volmetal werden als Luftkurorte während des Sommers von zahlreichen Fremden besucht. Die würzige feuchte Waldluft übt neben den lungenstärkenden Bergtouren und bei der vorzüglichen Verpflegung einen wohltätigen Einfluss auf die Gesundheit und Kräftigung des Körpers aus.

Auch fehlt es der Gegend nicht an Landschaftlichen Reiz, der leider noch viel zu wenig von Reiselustigen und Naturfreunden beachtet wird. Die Abteilungen des Sauerländischen Gebirgsvereins in Breckerfeld, Dahl und Dahlerbrück entwickeln hier ihre Tätigkeit durch Anlage, Verbesserung und Bezeichnung von Wegen, aufstellen von Ruhebänken und dergleichen. Besonders anziehend sind die Täler der Volme und Ennepe, welche ein prächtiges Landschaftsbild darbieten und das Auge durch eine stets wechselnde Szenerie erfreuen. – – Vom Tal zur Höhe ! Auch hier ist’s schön! Bald Wald, bald Wiese, bald Acker! Hier saftiges Grün, dort weite Flächen des goldgelb blühenden Ginsters, am Waldesrand, an den Abhängen Tausende von den Purpurblüten des Fingerhuts ( Digitalis purpurea) und des Weidenröschens

( Epilobium), in den Felsspalten Königskerzen ( Verbascum), Farne, kletternde Hopfen und viele andere von Floras Kindern. Überall zerstreut auf den Höhen, an den Abhängen und in den Gründen liegen die Wohnhäuser und die vom Gewerbefleiß der Bewohner zeugenden Eisenhämmer, Schleifkotten und Schmieden. Die Klein = Eisenindustrie verfertigt hier Schraubstöcke, Schüppen, Pfannen, Zangen, Zirkel, Fenster = und Thürbeschläge, Schlösser, Feilen, Ambosse und Hämmer.

Geschlossene Ortschaften gibt es, abgesehen von einigen kleinen Kolonien, bei der Landbevölkerung nicht. Jeder Bauer wohnt auf seiner Scholle, wie schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus (+ 117 n. Chr.) von unseren Vorfahren uns berichtet. Diese bauten nämlich ihre Wohnungen einzeln, wie der Quell oder der Wald es ratsam machten ( ut fons, ut silva placuit). Das mit einem mosbewachsenen Strohdach versehene Gehöft liegt oft malerisch da inmitten üppiger Wiesen, am Bächlein, am Waldrand, eine Einsiedelei fern vom Weltgetriebe, an der Wetterseite geschützt gegen Sturm und Regen durch das dichte Gezweig schlanker, immergrüner Föhren, während

als Wächter an des Hofes Saum

sich reckt empor der Eichenbaum.

Durch die Haustür tritt man in die geräumige Küche, von welcher aus auf der einen Seite die Zugänge zu den Wohnräumen, auf der anderen zu den Stallungen führen. Die Schlafzimmer liegen im ersten Stock. Alle sind niedrig mit hervortretenden Deckenbalken. Unsere Zeit hat auch hier manches geändert. Neben dem Wohnhause darf der Hausgarten nicht fehlen. Frühkartoffeln, Gemüse und Suppengrün haben hier ihren Platz. In der Mitte des Gartens und vor dem „ Lusthause“ ( Laube) sind Blumenbeete angelegt. Dort blühen die Zentifolie ( weiße und rote Rose), der Flieder ( Syringa vulgaris ), der Schneeball ( Viburnum), die Gartennelke ( Dianthus caryophyllus und plumarius), „ Vilette“ genannt, Jelänger jelieber ( Dianthus barbatus), das Stiefmütterchen ( Viola tricolor), der Phlox

( Phlox Durmondii), die Georgine ( Dahlila variabilis) und andere. Jeder Hof, jedes Häuschen hat seinen eigenen Namen, den es nicht selten mit dem Namen seines Besitzers teilt, wie Ehringhaus in Ehringhausen. Der Name des Hofes ist zum Familiennamen geworden, während man früher den Hofbesitzer mit seinem Taufnamen bezeichnet und zur Unterscheidung den des Hofes z. B. Peter im Schlage, Johann zu Brenscheid. Mehrere Höfe bilden eine Bauernschaft.

Wie aber sind die Menschen hier entstanden ? Die Sage berichtet. „ Einst wandelte Jesus mit Sankt Peter den Rhein hinab bis nach Köln und von dort bis Lüdenscheid, wo sich die Menschen ( „Lüde“) von den Tieren scheiden. Das ganze Westfalenland war nämlich noch unbewohnt. Petrus meinte nun, dass die Gegend zur Sommerzeit doch so übel nicht sei, wenn man nur den dazu passenden Menschenschlag finde. Wäre aber auch ein solcher nicht vorhanden, so sei es dem Herrn leicht, denselben zu bilden. Der Herr machte nun aus Lehm eine stämmige Gestalt, die Gliedmaßen stark und rührig, das Haupt eckig und verschlagen. Auch versäumte der Herr nicht, der Kraftgestalt, als sie im Feinen ausgearbeitet war, einen Stummel von Tabakpfeife in den Mund zu stecken. Dann gab er dem Gebilde mit seinem Stabe einen Schlag auf die Schulter, damit es beseelt würde, sich erhebe und im Leben einherwandle. Wirklich erhob sich auch der Westfale, lebenskräftig und frisch. Aber Dankbarkeit gegen seinen Schöpfer kannte er nicht, sondern schaute ihn herausfordernd an, ballte ihm drohend die Fäuste entgegen und fluchte durch die Zähne, welche den Pfeifenstummel sorgfältig festhielten. Een Dunnerkiel soll Dy terslagen, wenn Du my noch eenmol anpackest. Der gute Petrus schrak darob zusammen, schüttelte bedenklich sein Haupt und folgte dann dem Herrn, der fürbass schritt im Bewußsstsein, diesem Lande den richtigen Bewohner gegeben zu haben.“ ( Montanus,a. D.1. 255.)

Ein abgehärteter Körper und ein heller Kopf kennzeichnen den märkischen Sauerländer. Ob ein Unternehmen lohnend ist, wird vorher genau berechnet. Ist aber ein Erfolg vorauszusehen, so schreckt man auch vor harter Arbeit nicht zurück. Höflichkeit wird sehr geschätzt. Dem Dürftigen hilft man gern.

Die Umgangssprache ist der niederdeutsche Dialekt. Hier einige drastische Proben. Ein träger Mensch ist ein „ Fulenbalch“, ein unordentlicher, nachlässiger ein

„ Schlockerpohl“. Wer einen Vorteil errungen hat, kann „ strunzen“. Seinen Ärger macht man Luft mit „ Dunnerkiel“ und „ Gott verdamm’ my“. Zur Entschuldigung des letzteren Ausdrucks, der nicht genug zu „ verdammen“ ist, könnte dienen, dass man beim Gebrauch desselben seines Inhalts sich nicht bewußt ist. – Alt und jung stehen auf dem Duzfuße und reden sich mit ihrem Taufnamen an. Dem Bauern und Arbeiter ist die kurze Tabakspfeife ein ständiger Begleiter. Schon der vierzehnjährige Bursche, der eben dem Schulzwang entronnen ist, macht bereits Rauchstudien, denn früh übt sich, was ein Meister werden will.

Die tägliche Lebensweise beginnt morgens gegen 6 Uhr mit einer Tasse Kaffee, dem „ Frühköppken“. Um 8 Uhr gibt es Kaffee mit Butterbrot und Kartoffeln ( dat Äär, Äät), um 10 Uhr Butterbrot mit Kaffee, Bier oder Schnaps. Dann folgt um 12 Uhr das Mittagessen ( Uames), bestehend aus Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, an Sonn = und Festtagen kommt noch Suppe hinzu. Um 4 Uhr nachmittags wird Kaffee getrunken, um 6 Uhr Vesperbrot genommen mit oder ohne „ Klaren“. Den Schluss macht zwischen 8 und 9 Uhr das Nachtessen ( Nachtmes) mit Kartoffeln und Brei ( Brie). Letzterer ist recht mannigfaltig. Er wird gekocht aus Buttermilch, ( Griese, Greite). Weißbrotresten ( Krümelbrie) u. a. Man sieht aber aus allem diesem, daß man hier nicht am Hungertuche nagt.

Die Kleidung des Bauern ist ein blauleinener Kittel, welcher bis über die Hüften reicht, früher aber einem langen, unaufgeschnittenen Hemde glich. Die Feinheit des Kittels war zugleich ein Zeichen des Wohlstandes ( Weddingen, Neues Westphäl. Magazin 1792. 185 ff.) Die weißen oder blauen Gamaschen, welche über den Waden mit Bändern zusammengebunden waren und auch den oberen Teil des Schuhes bedeckten, sind heute ebenso verschwunden, wie die baumwollne Zipfelmütze, die auf dem Haupte getragen wurde. – Zur Kleidung der Frauen gehörten nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 1744 Leibbänder, von Gold oder Silber gewirkt, ferner Hauptbänder, welche an der ein oder mehrfarbigen „ Nefelskappe“ ( Nebelkappe, leichte Mütze) befestigt wurden. Dazu kamen silberne Schnallen an Leibband und Schuhen, silberne Handspangen und Hemdknöpfe, Handschuhe mit Silber gestickt oder seiden, silberne Halsketten, oder solche von Granat oder Perlen, Vortücher, Vormauen ( Vorärmel) und gestickte Brüstchen. Die Kleider bestanden an Festtagen aus Seide, sonst benutzte man „ wollne drap des dames – , Wolldamast = und Callmannen = Röcke.“ Auch fehlten Regentuch, Handmuff und Sonnenhut nicht. Heute hat die Herrscherin „ Mode“ allen diesen schönen Sachen längst den Garaus gemacht. – Den väterlichen Hof erbt gewöhnlich einer der Söhne, während die übrigen meistens einem nicht landwirtschaftlichen Berufe sich zuwenden. Doch ist es auch in einzelnen Fällen vorgekommen, dass Haus und Hof unter zwei Brüder geteilt wurden. Der Knecht eines Bauern vielfach mit zweiwöchiger Kündigung gedungen, verdient jährlich 300 bis 360 Mark, ein Dienstmädchen 120 bis 180 Mark. Der durchschnittliche Tagesverdienst eines Hammerschmiedes oder Fabrikarbeiters beträgt 3 Mark, während der Lehrzeit 1 Mark. Der frühe Gelderweb, verbunden mit der Unsitte, den Eltern Kostgeld, nicht aber den ganzen Verdient auszuhändigen, wirkt vielfach nachteilig auf die jungen Burschen ein, indem sie sich bald an das Wirtshausleben gewöhnen, wozu reichlich Gelegenheit geboten ist. An Sparsamkeit wird wenig gedacht, man lebt von der Hand in den Mund.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.