Früher Knoblauch, heute Kultur. Pille Dahl.

Früher Knoblauch, heute Kultur

WK Nr. 27 4.7.2007

                         „Pille Dahl“ – neues Leben in alter Zirkulin – Fabrik    

Hagen, (ME) Wer nach Dahl fährt kann die ungewöhnlichen, unmittelbar an der Bundesstraße 54 gelagerten Fabrikbauten zu Beginn des Ortseinganges wahrlich nicht übersehen. Direkt am Ufer der

     

Volme errichtet, ziehen sie sich über etliche Meter längs der Straße hin – die einstigen Zirkulin – Produktionsstätten. Eine Weile stand der Komplex weitgehend leer. Jetzt ist in einen Teil wieder neues

Leben eingezogen – mit einer Ateliergemeinschaft an der Spitze. Die Hagener Künstler Jutta Tewes, Lisanne Naber, Christa Ritter, Anna Asmuth, und Thomas Stockey haben hier genügend Platz, um sowohl graphisch als auch bildhauerisch unbeschwert und in aller Ruhe arbeiten zu können.Sogar bei kreativen Schweißarbeiten braucht das Team auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Als „Kopf“ der Ateliergemeinschaft fungiert Thomas Stockey – er ist der Eigentümer der Räumlichkeiten. Nebenan hat er noch einen weiteren Bereich des langgestreckten Areals vermieten können, an den Sanitärmeisterbetrieb von Diek Krebs sowie an eine Rechtsanwalts- Kanzlei.  

Pille Dahl“ Auch einen neuen Titel hat Stockey für seine alte Fabrik gefunden „Pille Dahl“. Womit er an eine weithin bekannte überaus langjährige Nutzung dieses Gebäudes anknüpft – an eine Nutzung an

      

die sich sicherlich noch viele Hagener erinnern können, die Zirkulin – Werke stellten hier ihre berühmten Knoblauchpillen her. Der Dahler Heimatforscher Heinz Böhm weiß, dass es an dieser Stelle schon vor

Zirkulin eine gewerbliche Nutzung gab durch den Eisen verarbeitende Fabrik Schmolz & Bickenbach. Doch dann kam Arthur Loose nach Dahl, kaufte das Gelände für die Zirkulin und richtete die Koblauch – Pillenfabrik ein. Loose war ein Schwiegersohn von Günter Röbke, dem Eigentümer (seit 1923) der in Herdecke beheimateten Zirkulin – Werke. Die eigentliche Wiege des Unternehmens steht denn auch inmitten der Ruhrstadt – und zwar in einem der schönsten Fachwerkhäuser Herdeckes. „Es war der Apotheker Schulte – Herbrüggen, der 1913 die Pharmazeutische Fabrick gründete“, weiß Heimatforscher Böhm. Zehn Jahre später übernahm Röpke die Firma die nach dem zweiten Weltkrieg rasch so sehr florierte, dass eine Erweiterung notwendig wurde – was dann in Dahl geschah, „wo“, so

Schmolz & Bickenbach, Eisenverarbeitung.

Böhm „etwa 50 Arbeiter und Angestellte fortan in dem mit modernen Maschinen ausgestatteten Betrieb die im In- und Ausland begehrten Zirkulin – Produkte fertigten“. Bis 1982. In diesem Jahr wurde die Produktion in Dahl aufgegeben. Töchter und Erinnerungen.Die letzten Zirkulin – Eigentümer waren – laut Böhm – Looses Töchter Hella Wensing und Elke Weinschütz. Sie veräußerten Zirkulin an die Arzneimittelfirma“roha“.In Herdecke hat sich allerdings an der Wetterstraße quasi ein Nachfolge – Unternehmen erhalten, Die Arco – Chemi, ursprünglich eine Zirkulin – Tochter. Der Name leitet sich ab von Arthur Loose und Cornelius Suverein, einem Holländer, der sich übrigens in der Nähe des Dahler Bahnhofs ein Haus gebaut hatte, das mit Hilfe einer Beton – Wanne errichtet werden musste, weil es im Volme – Überschwemmungsbereichs platziert war.Die Arco – Chemie in Herdecke – Eigentümer Dipl. Ing. Georgius Zacharopoulos – verfügt heute übrigens über rund 25 Arbeitsplätze und stellt nach wie

           

vor Arzneimittel sowie Nahrungsergänzungsmittel her. In den 1990er Jahren wurde der Betrieb gleich zweimal erweitert. Als Dahler Zirkulin – Betriebsleiter fungierte über viele Jahre hinweg – bis 1981 –

Eigentümer Röpkes Neffe Radtmann. Bereits 1951 kam der heute 87-jährige Radtmann nach Dahl und wohnte anfangs auch in der Fabrik. Trotz seines hohen Alters vermag er sich noch gut an viele Ausbau- Maßnahmen in der Knoblauch – Fabrikation erinnern – etwa daran, wie man eine Maschine entwickelte, mit der flüssiger Knoblauch in Gelantine – Kapseln gefüllt werden konnte. Eine interessante Erinnerung bezieht sich zudem auf die Toilettenanlagen in der Fabrik. Wer sie benutzt hatte, konnte das WC erst dann wieder verlassen, wenn er sich auch tatsächlich die Hände gewaschen hatte – sonst bieb die Tür versperrt.

Reger Austausch. Und „Pille Dahl“? Das soll kein stiller Ort für Kunst weitab bleiben, sondern eine Stätte des regen Austausches. Sprich: Eigentümer und Sponsor Thomas Stockey lädt alle Hagener ein, den Künstlern über die Schulter zu schauen oder auch ansonsten mal reinzuschauen“, weiß Böhm. Für Besucher sind die Ateliers mittwochs von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Ferner plant Stockey eine weitere kulturelle Nutzung der alten Knoblauch – Pillenfabrik: er will sie für Veranstaltungen aller Art zur Verfügung stellen. Da darf man gespannt sein, was künftig von „Pille Dahl“ noch alles zu hören sein wird.

Pille Dahl“ Fotos, Pinsel und Beton.

WK vom 22.8.2007 Dahl-(NO) Ein Betonmischer wartet auf seinen Einsatz. Eisengeflecht reckt sich der Decke entgegen, auf Werkbänken präsentieren sich Metallteile, ein Schweißgerät und halb fertige

Betonskulpturen als derbes Stielleben. Kunstproduktion kann auch Knochenarbeit sein.Einige Schritte weiter dann die Abteilung die Abteilung für Kreativität jenseits von Staub und Lärm. Hier herrscht schon Salonatmosphäre, ein Raum für Entwürfe, Gespräche, Präsentationen, auch Video – Arbeiten sind möglich. Dahinter wiederum schließen sich Malerateliers und eine Dunkelkammer an. Jedem Künstler das Seine.Neues Leben ist in die alte Zirkulin – Knoblauchpillen – Fabrik, gelegen unmittelbar am Ortseingang zu Dahl direkt am Ufer der Volme, eingekehrt. Der Dahler Thomas Stockey, 57, hat den gesamten, dem Verfall preisgegebenen Fabrikkomplex erworben, sanieren lassen und seiner Künstlergemeinschaft, die bereits im Münsterland

      

in einem alten Bauernhaus zusammenarbeitete, ein neues Domizil gegeben. Damit hat Hagen eine neue Kreativadresse: Kunstfabrik „Pille Dahl“.Der Gruppe gehören neben Thomas Stockey Jutta Tewes,

Rosi Apitz, Christa Ritter, Anka Asmuth – Fischer jetzt auch Lisanne Naber, Krzysztof Falcman und Heinz Böhm an. Gemeinsam sind sie in der Gebäudesektion „A“ aktiv, die Nachbar – Räumlichkeiten „B“ und „C“ sind gewerblich genutzt.Hinter dem großen roten „A“ betritt der Besucher die Atelierhalle fürs „Grobe“. „Hier stört man niemanden bei Schweißarbeiten oder beim Betongießen“, erklärt Thomas Stockey, der beruflich in einer medizinischen Praxis in Düsseldorf tätig ist und mit Vorliebe Skulpturen aus eingefärbten Weißbeton und Metall anfertigt. Eine Betonmischmaschine war das ideale Geburtstagsgeschenk. Eine seiner neusten Arbeiten ein „Catwalk“ mit spindeldürren „Models“ aus poliertem Beton, solide und grazil zugleich. Ein Rolltor trennt den

Pille Dahl.

Werkstattbereich von den weiteren Ateliers, die vor Staub und Krach verschont bleiben sollen. Im ersten, großen Atelierraum, der sich auch für Lesungen oder musikalische Veranstaltungen eignet (ein Klavier steht bereits in der Ecke) präsentiert der ebenfalls in Dahl lebende Fotograf Krzysztof Falcman, 47, einige seiner Arbeiten: durchweg schwarz weiße Bilder in vorwiegend quadratischen Format mit oft rätselhaft – surrealistischen Motiven, mit einer der legendären Hasselblad ähnlichen „Kiew 88“. Mit Fotografie und Heimatforschung beschäftigt sich das Dahler „Urgestein“ Heinz Böhm, „Immer mittwochs schaue ich den Künstlern in der Pille Dahl mit der Digitalkamera über die Schulter und mache Fotos von den künstlerischen Tätigkeiten 220 Digitalfotos habe ich schon auf meinem Rechner. Die besten werden herausgesucht, auf eine CD gebrannt und bei zukünftigen Ausstellungen

auf eine Leinwand projiziert. Als Heimatforscher interessiere ich mich zudem für die Geschichte von Dahl im allgemeinen und speziell für die der ehemaligen Ziekulin – Werke.“  Christa Ritter, 56. aus Dortmund, bevorzugt wie Thomas Sttockey die handfeste Arbeit mit Eisen und Beton. Sie fertigt vorwiegend kleinformatige Serien an, darunter filigran – geheimnisvolle Objekte, sammelt gern Trödel und lässt sich von Fundstücken inspirieren. Neben den Frauenfiguren „Schrägköpfe“ entstanden zudem großformatige “Gartenskulpturen“ Die Hagenerin Lisanne Naber, kann auf eine langjährige, intensive künstlerische Tätigkeit zurückblicken. Neben ihrem Atelier in der Volmestadt hat die Künstlerin, die aus dem keramischen Bereich kommt, in Dahl ideale neue Räumlichkeiten gefunden, „

die es mir erlauben, in großem Stiel zu arbeiten, Platz genug ist hier ja genug vorhanden, und die passenden Werkzeuge sind auch alle da“. Schon jetzt besonders beeindruckend ist Jutta Tewes neue Arbeit, ein meterhoch aufstrebendes dynamisches Eisengeflecht, dass noch mit Maschendraht umkleidet wird, um einer Betonhaut Halt zu geben. Diese wird anschließend poliert und bemalt – und kann symbolisch zeugen von der kreativen, verbindenden Kraft der neuen Ateliergemeinschaft in der Kunstfabrik „Pille Dahl“. Interessierte sind immer mittwochs beim „Offenen Atelier“ jeweils von 10 bis 16 Uhr willkommen.

 Mittlerweile geschlossen.

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